Der Jengaturm, der das Sozialgefüge in Deutschland symbolisieren soll: Entnimmt man einzelne Steine gerät dieser Turm gefährlich ins Wanken – davor warnen die Vertreter der AGW.

Soziale Infrastruktur unter Druck: AG Wohlfahrt Paderborn warnt vor Folgen geplanter Sozialkürzungen

Paderborn, 20. Juli 2026 – Unter dem Motto „Zuhören, Aufnehmen, Mitnehmen“ lud die AG Wohlfahrt Paderborn führende Vertreter der Politik zu einem Austauschforum ein, um über die Auswirkungen möglicher bundespolitischer Sozialkürzungen zu beraten. Angesichts der drohenden Kürzungen im sozialen Bereich traten rund 50 Vertreter verschiedener gemeinnütziger Träger in einen intensiven Dialog mit Carsten Linnemann (Generalsekretär der CDU), Bernhard Hoppe-Biermeyer (Landtagsabgeordneter, CDU) sowie Norika Creuzmann (Fraktionsgeschäftsführerin der Grünen). Sinnbildlich für die aktuelle Lage stand ein menschengroßer Jengaturm in der Mitte des Raumes: Er verdeutlichte den Anwesenden eindrucksvoll die Zerbrechlichkeit der sozialen Infrastruktur. Wie beim Spiel droht auch das soziale Gefüge instabil zu werden, wenn, scheinbar wahllos, einzelne Steine herausgezogen werden. Die von Julia Ures moderierte Veranstaltung verdeutlichte somit auf plastische Weise die große Sorge der Träger vor einem drohenden sozialen Kahlschlag, sollte die Politik den Pfad einer gesicherten sozialen Finanzierung verlassen. Die Dimension der aktuell diskutierten Kürzungen wird ein System ins Wanken bringen, das täglich tausende Menschen trägt. Die AG Wohlfahrt macht deutlich, dass die geplanten Einsparungen weit über die Träger hinausreichen: Sie treffen Familien, Kinder, pflegebedürftige Menschen und Menschen mit Behinderungen unmittelbar.  

Prävention statt kurzsichtiger Kürzungsdebatte

Im Zentrum der Veranstaltung standen vier kritische Themenblöcke: Kinder- und Jugendhilfe, Eingliederungshilfe, das Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) sowie das Thema Tarifbindung. Die Träger machten unmissverständlich deutlich, dass soziale Angebote keine Luxusgüter sind, sondern notwendige Antworten auf konkrete gesellschaftliche Bedarfe. Gleich zu Beginn wurde am Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) deutliche Kritik laut: Dr. Stefan Vogel (DRK) bewertete das Vorhaben keineswegs als Weg zu strukturellen Innovationen, sondern als reines Spargesetz. Er warnte eindringlich davor, dass dies das Problem nicht löse, sondern nur verlagere – mit der Konsequenz, dass man in Zukunft erneut über explodierende Kosten in diesem Bereich diskutieren müsse. Auch die anderen Bereiche unterstrichen diese Dringlichkeit: „Was ich heute einspare, muss ich morgen an anderer Stelle deutlich teurer finanzieren“, betonte Vanessa Kamphemann (Diakonie). Dr. Eva Brockmann (Caritasverband Paderborn) ergänzte mit Verweis auf die Studienlage, dass ein Euro Investition in Prävention langfristig eine Ersparnis von sieben bis acht Euro bedeuten könne. Daher dürfe Prävention keinesfalls zur freiwilligen Leistung degradiert werden. Kathrin Jäger (Der Paritätische) appellierte an die Politik: „Wir sind offen für Reformen, aber wir warnen eindringlich vor Kürzungen, die an die Substanz unserer existenziellen Arbeit gehen.“ Für die betroffenen Menschen hätte dies spürbare Folgen: Längere Wartezeiten auf Beratung, weniger Unterstützung für Familien in Krisensituationen, eingeschränkte Teilhabe für Menschen mit Behinderungen oder ein späterer Zugang zu Hilfen würden Probleme verschärfen, statt sie frühzeitig zu lösen. Gerade präventive Angebote verhindern häufig, dass aus kleinen Krisen große soziale Notlagen entstehen.  

Widerspruch bei der Tarifbindung: Ein elementarer Rückschritt

Auch die geplante Refinanzierung im Bereich der Tarifbindung wurde kontrovers diskutiert. Die AG Wohlfahrt weist hier auf einen fundamentalen politischen Widerspruch hin: Während die Politik von den sozialen Trägern zu Recht Tariftreue einfordert, wird nun erwogen, diese Tarife bei der Refinanzierung nicht mehr vollumfänglich zu berücksichtigen. „Das passt nicht zusammen“, so Tobias Berghoff (Caritasverband Paderborn). „Sich einerseits zur Tarifbindung zu bekennen, sie aber bei der Finanzierung zu untergraben, ist für uns ein elementarer Rückschritt. Wir brauchen hier Verlässlichkeit, statt die Qualität sozialer Arbeit durch unterfinanzierte Tarife zu gefährden.“ Die Folgen wären auch für die Menschen vor Ort unmittelbar spürbar: Können tarifgebundene Arbeitsplätze nicht mehr ausreichend refinanziert werden, verschärft sich der Fachkräftemangel. Das bedeutet weniger Personal, weniger Zeit für die Betreuung und im schlimmsten Fall den Abbau oder die Einschränkung wichtiger Angebote.  

Bürokratische Last als Misstrauensvotum

Ein roter Faden der Diskussion war die massive Belastung durch Dokumentationspflichten und Bürokratie. Carsten Linnemann räumte ein, dass die Dokumentation in der Pflege heute mehr Zeit in Anspruch nehme als die Pflege am Menschen selbst. Er bezeichnete die aktuelle „Dokumentationswut“ als Misstrauensvotum der Politik gegenüber den Trägern und stellte die Frage in den Raum, welche Schritte notwendig seien, um substanzielle Änderungen zu erreichen. „Mehr Mut zur Digitalisierung“, forderten Vertreter wie Martin Wolf (St. Johannisstift), denn es sei inakzeptabel, dass in Zeiten moderner Technik noch immer gefaxt werden müsse, weil digitale Unterschriften behördlich nicht durchgehend akzeptiert würden. Darüber hinaus forderten die Träger mehr Vertrauen und Zutrauen in ihre Professionalität und weniger Kontrollwut durch die Behörden. Denn jede Stunde, die Mitarbeitende mit unnötiger Bürokratie verbringen, fehlt in der direkten Arbeit mit Menschen. Weniger Zeit für Beratung, Pflege oder Begleitung bedeutet letztlich weniger individuelle Unterstützung für diejenigen, die auf diese Leistungen angewiesen sind.  

Ein konstruktiver Weg nach vorne

Die AG Wohlfahrt Paderborn appelliert an die Bundespolitik, bei allen notwendigen Haushaltsentscheidungen die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Geplante Kürzungen im sozialen Bereich bedeuten nicht nur Einschnitte in den Haushalten der Träger – sie führen vor allem dazu, dass Bürgerinnen und Bürger wichtige Hilfen verlieren oder erst deutlich später erhalten. Familien in belastenden Situationen, ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen sowie Kinder und Jugendliche dürfen nicht die Leidtragenden kurzfristiger Sparmaßnahmen werden. Eine solidarische Gesellschaft zeigt sich gerade darin, wie sie mit den Menschen umgeht, die Unterstützung benötigen. Soziale Leistungen sind keine freiwilligen Extras, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Verantwortung und des gemeinsamen Versprechens, niemanden in schwierigen Lebenslagen allein zu lassen. Werden präventive Angebote, Beratungsstellen oder Unterstützungsleistungen geschwächt, wachsen soziale Probleme – mit erheblichen Folgen für die Betroffenen und letztlich auch für die gesamte Gesellschaft. Der Wunsch an die Politik ist deshalb eindeutig: Notwendige Konsolidierungen dürfen nicht zulasten derjenigen erfolgen, die auf Hilfe angewiesen sind. Statt pauschaler Sozialkürzungen braucht es nachhaltige Investitionen in eine leistungsfähige soziale Infrastruktur, die Menschen zuverlässig unterstützt, Teilhabe ermöglicht und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt. Denn wer heute an sozialer Unterstützung spart, riskiert morgen höhere gesellschaftliche und finanzielle Folgekosten – vor allem aber das Vertrauen in den solidarischen Zusammenhalt unseres Landes.